Yamagishi - Bewegung

 

KURZ INFO

Miyozo Yamagishi (gest. 1961), angeblich vor einer Taifunkatastrophe 1950 verschont gebliebener japanischer Reisbauer, führte diese Bewahrung auf die innere Haltung von Yamagishi zurück: leben in Harmonie mit der Natur. Daraus erwuchs 1953 die Idee von der „Idealkommune“ und die Gründung des Dorfes Jikkenchi, „Glücksdorf“, wo im weiteren Verlauf Kurse gegeben wurden: für Erwachsene „Tokkoh und Kensan“, für Kinder „Kinderparadiese“.

Die japanische Neureligion des Yamagishi hat sowohl ökologische wie spirituelle Elemente aufgenommen, um beide zu verbinden und zu praktizieren. Durch Tokkoh- und Kensankurse wird „ein Studium, das nie zuende ist“, betrieben. „bei demniemand lehrt und niemand belehrt wird“. Die Yamagishi-Bewegung bezieht ihre religiöse Legitimation durch die Lehre von der „Einkörperwelt“, in der es weder Trennung noch Grenzen gibt, wodurch man mit dem Universum und untereinander eines Sinnes sein könne. Da Heiterkeit der natürliche Zustand des Menschen sei, soll eine Welt der Harmonie aufgebaut werden. Kein Glaube an einen Gott.

In Japan gibt es etwa 40 Jikkenchi, „Glücksdörfer). Weitere existieren in Korea Thailand, Neubrunn (Schweiz), Braunsroda (Thüringen) im Aufbau und Gut Oberrode bei Bad Hersfeld (Hessen) im Bistum Fulda.

HISTORISCHE ENTWICKLUNG

Am Anfang des „Yamagishismus“ steht nach Angaben der Gruppe ein Wunder: Während eines Taifuns im Jahre 1950 seien die Reisfelder des Bauern Miyozo Yamagishi als einzige vor der Zerstörung bewahrt worden, weil er in seiner Landwirtschaft besonders auf die Harmonie zwischen Mensch und Natur geachtet und in seiner Landwirtschaft praktiziert habe. Das eigene Glück und das Unglück der anderen habe ihn zum Nachdenken darüber gebracht, wie alle Menschen Glücklich werden könnten. 1953 wird der Yamagishismus offiziell in Japan gegründet. Sein ökosophisches Prinzip fand sehr bald (1956) in Japan und in Europa Nachahmer. Zunächst beschloß man in einem langen „ganzheitlichen“ Entscheidungsprozeß Idealkommunen aufzubauen, in denen es weder Herrschende noch Beherrschte, weder Besitztum noch Geld geben sollte. 1958 entstand das erste Dorf mit dem Namen Jikkenchi, was in der Yamagishi-Übersetzung heißt: „Das glückliche Dorf der herzlichen Beziehungen, in dem kein Geld nötig ist“. Offenbar hat der Gründer Miyozo Yamagishi das Dorf noch eingeweiht, bevor er 1961 starb. Von diesen Dörfern aus soll die Idee weitergetragen werden. Die Yamagishi-Vereingung erstebt die Gründung neuer Dörfer, „wie es sie noch nie gegeben hat“.
 

LEHREN

Die um diese Anfänge sich bildende Yamagishi-Vereinigung betrachtet das Universum, Natur und alle Menschen als einen einzigen Körper. Es handelt sich dabei mehr um eine das Denken und Verhalten der Mitglieder prägende Weltanschauung als um eine religiöse Vereinigung. Ziel ist es, neue Wirtschaftsmethoden in der Tier- und Pflanzenhaltung zu entwickeln, die dem Ideal der Einheit von Mensch und Natur entsprechen. Ihre angeblich religiöse Legitimation bezieht die Yamagishi- Bewegung durch die Lehre von der „Einkörperwelt“, in der es weder Trennung noch Grenzen gibt. Der Glaubenssatz :“Ich, ein Teil der Natur. tue mein Bestes, um mit allen Menschen, der Sonne und der Erde zu gedeihen“, gilt sowohl für die Bewohner der glücklichen Dörfer als auch für diejenigen, die die menschliche Gesellschaft draußen auf friedliche Weise verändern wollen. Sie werden „Einkörper“, weil sie mit dem Universum in Einklang leben und untereinander eines Sinnes sind. Alle Unterscheidungen gelten in dieser Sicht als irreal. Ziel ist die Vermittlung des „Einheitsbewußtseins“ (ittai), das Bewußtsein, mit allem eins zu sein.

Heiterkeit gilt somit als „der natürliche Zustand des Menschen“, woraus sogenannte „Heiter-Heiter-Treffen“ entstanden. Immer wieder betont die Vereinigung, Yamashigismus sei weder Religion noch Weltanschauung oder politische Überzeugung, sondern eine „funktionierende Praxis“ mit dem Ziel der Verwirklichung der „Heiter-Heiter-Welt“, durch „herbeiführen einer beständigen behaglichen Gesellschaft, reich an Gütern, guter Gesundheit und erfüllt mit natürlicher Liebe durch das Schaffen von Harmonie zwischen der Natur und der menschlichen Tätigkeit, zwischen Himmel, Erde und Menschen“ (Eigendarstellung).

ORGANISATION

Mitglied wird man durch Initiation in sogenannten Tokkoh-Kursen und regelmäßige Teilnahme an den Kensan-Treffen. Auch die Kinder der Ikkenchi-Bauern arbeiten daran mit. Für sie werden eigens Sommerlager („Kinderparadiese“) abgehalten, in denen die Kinder jenes Ideal mit einer Art.

Kensan-Treffen (früher Heiter-Heiter-Treffen)sind Versammlungen, die gegenseitigen Beratungen dienen sollen. Sie werden als Studium bezeichnet, welches nie aufhört. Eine Besonderheit ist, daß während dieser Treffen, Mitteilungen von Kurzparolen an den Einzelnen als Aufgabenstellung für die Zukunft sowie als Ratschlag zur Bewältigung dieser Aufgaben gegeben werden. Diese Form von gegenseitigen Beratungstreffen findet man auch in anderen japanischen Neureligionen.

Der Tokkoh , der volle Name lautet: „Besonderer Kurs in Kensan-Treffen“, wobei Kensan soviel wie „einer Sache auf den Grund gehen“ bedeutet, ist ein Kurs mit Teilnehmern zwischen 10-30 Personen. Gleich zu Beginn des Kurses wird den Teilnehmern. Tokkoh-Treffen sind einwöchige Intensivkurse, die zum Teil der Vorbereitung der Initiation von Teilnehmern dienen. „In diesem besonderen Kurs gibt es weder Lehrer noch Dozenten. Es ist keine Erklärung oder Belehrung über Yamagishi, sondern es geht darum, sich mit seiner eigenen Kraft einen Weg in eine neue Welt zu bahnen, indem man die Möglichkeit und Zeit wahrnimmt, einmal tief sein bisheriges Tun und die Art seines Denkens zu untersuchen. Man kann verstehen lernen, wie man sein Leben erfolgreich gestalten kann, im Sinne, ein materiell und geistig wirklich reiches Leben in einer neuen Gesellschaft zu verwirklichen.“ (Tokkoh-Prospekt 11/91) Berichte von Tokko-Kursbesuchern zeigen, daß Teilnehmer nach den Treffen stark verändert erscheinen, z.T. ist es nach den Berichten auch zum Abbruch bisheriger Lebensplanungen, des Studiums, Ausbildung etc. gekommen.

Die ökologisch betriebene Landwirtschaft nimmt eine zentrale Bedeutung der Bewegung ein. Die Errichtung der Betriebe bedeutet, Keime für die Einkörperwelt zu legen. Deshalb sind auch die erwirtschafteten Produkte an sich bedeutsam. Sie werden als „wahre Dinge“ geglaubt, die ihre Konsumenten instand setzen, „Kreise herzlicher Beziehungen in ihrer Umgebung und in der ganzen Gesellschaft (zu) verbreiten“. (Bei einem Besuch im Glücksdorf Oberrode bei Bad Hersfeld wurde von einem Mitglied behauptet, daß Eier von glücklichen Hühnern direkte positive Auswirkungen auf jene haben, die diese Eier zum Frühstück essen.)

In den einwöchigen Kinderaufenthalten, die für die Kinder von Gruppenmitgliedern, wie aber auch für Außenstehende offen sind, kommt ein besonderes Anliegen der Gruppierung zum Tragen. „Sie (die Kinder) kommen durch verschiedene Aktivitäten mit den wirklichen Dingen in Berührung und fangen ganz natürlich und ohne Belehrung an, ihnen Sorge zu tragen. Das Kinderparadies ist so geplant, daß sich Gelegenheiten ergeben, die Sinne zu entwickeln, durch Spüren der Natur, Tiere und Pflanzen und im Miteinander als Teil der Kindergesellschaft.“(Ausstellungsprospekt) Heute gibt es in Japan rund 40 Jikkenchis, „glückliche Dörfer“. Weitere sind in Korea, Thailand und Brasilien. In Europa ist das europäische Kurszentrum in Neubrunn in der Schweiz. In Deutschland in Gut Oberrode bei Bad Hersfeld in Hessen (geleitet von einem Schweizer) und in Thüringen in Braunsroda.

KRITIK

Die Yamagishi-Vereinigung erhebt den Anspruch, eine neue Gesellschaftsordnung zu realisieren, zunächst innerhalb der Gruppe selbst und dann durch sie in der Welt. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Bewegung auf den Grundsätzen asiatischer Weltanschauung und Religiosität aufbaut. Im Widerspruch zum christlichen Welt- und Menschenbild stehen der Weg der Selbsterlösung, der hier versprochen wird, wie die utopische Verheißung der innerweltlichen Abschaffung allen Leidens. Dabei wird dieser „Glaube“ sprachlich so nahegebracht als sei er ein Faktum, eine wissenschaftlich nachweisbare Tatsache. Das ist Irreführung. Andere Glaubensüberzeugungen werden nicht gelten gelassen, so daß atheistisches Denken durch Yamagishi betrieben wird: „Wie immer dem auch sei, ich bin überzeugt, daß es möglich ist, die Art des Denkens zu ändern, ohne auf Gottheiten oder Buddhas zu vertrauen... Die Yamagishi Glücksvereinigung setzt eine intellektuelle Revolution, die nur die Kapazitäten des menschlichen Geistes braucht, in die Praxis um.“(K.Okinaga, Toyosato Praxis für Yamagishism Leben, Japan)

Besonders fragwürdig ist die Praxis der Gruppierung: Warum die verdeckte Werbung (Denkkurse, Landwirtschaft usw. ohne Angabe der wirklichen Zielvorgabe) ? Unser Grundgesetz garantiert die Freiheit von Religion und Weltanschauung. Es gibt daher keinen Anlaß, eine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung zu verschweigen.

Hinter ökologischen Floskeln verbergen sich weltanschauliche Ziele. Auch wird nicht dargelegt wie Menschen, die in diese Lebensgemeinschaft hineingehen, sozial, rentenversicherungsmäßig und nach jahrelanger Mitgliedschaft bei Austritt finanziell

gesichert sind. Selbst Tiere, so wurde bei einer Befragung anläßlich eines Besuches

hartnäckig darauf bestanden, müssen warten versorgt zu werden, wenn die zuständigen Betreuer nicht „heiter“, bzw. positiv gestimmt sind, um keine negative Stimmung zu bewirken. Wie wird man da mit Menschen umgehen, die nicht gut gelaunt sind oder depressiv oder protestierende Haltung an den Tag legen. Ist nicht gerade die Behauptung von der Grenzenlosigkeit und die daraus entspringende „Einkörperlehre“ der Vorwand für eine subtile grenzenlose Beherrschung der Menschen, denen die Realität für die Welt durch diese phantastische Sichtweise genommen wird, weil diese behauptete Weltsicht als Tatsache verkauft wird, aber - in Wirklichkeit - eine unbewiesene Überzeugung ist ? Darum ist solchen Gruppierungen mehr als nur mit Skepsis zu begegnen.

KRITISCHE LITERATUR

Eduard Trenkel, Beurteilung zur „Yamagishi-Bewegung, 20. o4. 1995

Kassel, Az.: K 9370 - R 141-80

Erste Auskunft Sekten, Arbeitskreis Neue Jugendreligionen,

Hrsg. Klaus Funke, Leibzig 1994

Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen

Hrsg. Gasper-Müller-Valentin, Freiburg 1990

Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen,

Oswald Eggenberger, Zürich ,5.Aufl. 1990

Ferdinand Rauch
Hochschulpfarrer
Sektenbeauftragter der Diözese Fulda