Nostradamus

KURZINFORMATION

Jeweils in Zeiten, die von vielen Menschen als katastrophenträchtig wahrge-nommen werden und mit unterschwelligen Ängsten verbunden sind, feiern die okkulten Prophezeiungen fröhliche Urstände. In Buchläden häufen sich die Produktionen, die verheißen, nun endlich die wahre und aktuelle Erklärung und Deutung der Gegenwart und der nahen Zukunft vorzulegen.
Die Angst, gepaart mit der Neugier und dem Wunsch nach dem Wissen, wie es nun mit der Menschheit und der Welt weitergeht, gerät zu einem florierenden Geschäft.
Neben der bei uns Angst machenden Arbeitslosensteigerung und wirtschaftlichen Flaute, verlockte das Jahr 2000 zu apokalyptischen Spekulationen. Die Abenddäm-merung eines Jahrhunderts, ja eines Jahrtausends hatte begonnen. Für die einen war das ein Grund, gigantische Silvesterpartys zu planen. Für andere hingegen ein Anlass, sich sorgenvoll in die Bücher und Traktätchen alter und neuer Seher, Wahr-sager und "Mystifaxe" zu vertiefen und zu prüfen, ob möglicherweise die letzte Stunde der Menschheit geschlagen hat. Dahinter steckt der Wunsch, im Vor-auswissen so etwas wie eine Gewissheit zu bekommen, so als fühle man sich sicherer, weil man weiß, was auf einen zukommt.
Ungewisse Zukunft scheint für viele nur schwer aushaltbar zu sein. Dabei sind die Prophezeiungen in den meisten Fällen immer nur Katastrophenmeldungen. Gerade die Ansage vom zu erwartenden (natürlich katastrophalen) Klimawandel kann solchen Ängsten wieder größere Nahrung geben.
Der unangefochtene Star einer breiten Front von Katastrophenpropheten, die als jüngstes Gerücht das jüngste Gericht ansagt, ist bereits seit mehr als 400 Jahren tot. Keiner hat so viele, so geheimnisvolle und so weit reichende Vorhersagen verkündet wie der französische Arzt und Astrologe Nostradamus.

Geschichte der Person: NOSTRADAMUS

Am 14. April 1503 wurde Michael Nostradamus in St. Deny in der Provence, in Frankreich, geboren. Wahrscheinlich stammt er von spanischen Juden ab, die vor der Verfolgung durch König Ferdinand (1474 – 1504) vor dem Fanatismus der Spa-nier und der kirchlichen Inquisition in die Provence geflohen sind.
Hier gewinnen sie größere Glaubensfreiheit. Der Name Nostradamus weist darauf hin, dass der Vater in einer Kirche, die „Unserer lieben Frau“, auf französisch Notre Dame, geweiht war, zum katholischen Glauben übertrat. Michael Nostradamus stu-dierte zunächst in Avignon antike Rhetorik (das ist die Lehre von der Redekunst wie sie im Altertum üblich war) und widmete sich auch noch dem Studium der Medizin.
Medizin zu studieren, entsprach einer alten Familientradition, die meisten Ärzte waren in früheren Jahrhunderten jüdischer Herkunft.
1529 promovierte Nostradamus in Montpellier zum Doktor der Medizin und ließ sich in einer Stadt an der Garome nieder. Der junge Mann war ein Kenner des Fachs und erwarb sich als engagierter Bekämpfer des Schwarzen Todes, der Pest, großes Ansehen. Im Gegensatz zu vielen seiner Standesgenossen war Nostradamus mutig genug, die Leiden seiner Patienten lindern zu helfen – wenn er sie auch nicht heilen konnte.
Kurz darauf traf ihn ein schwerer persönlicher Schlag: Nostradamus verlor seine Frau und die beiden kleinen Söhne durch eine Krankheit (Diphtherie). Die da-malige Medizin war dagegen machtlos. Die schreckliche Erfahrung, die der junge Arzt mit dem Wüten der Pest in seiner Zeit machte, blieb sicher nicht ohne Auswirkung auf sein pessimistisches Zukunftsbild.

DIE VERSCHLÜSSELTE SCHRIFT DES NOSTRADAMUS

1548 ließ sich Nostradamus in Salon bei Marseille nieder, nachdem er eine reiche Witwe geheiratet hatte. Er praktizierte als Arzt, verfasste Bücher über Kräuterkunde und Kosmetika und begann sich mit okkulten Schriften und mit der Astrologie zu beschäftigen. 1553 wurde sein Caesar geboren. Diesem Sohn widmete Nostradamus die ersten sieben Zenturien (die Prophezeiungen sind in Vierzeilern niedergeschrieben, wobei eine Zenturie jeweils 100 Vierzeiler umfasst. Es sind dunkle Prophezeiungen, die die Zukunft der Menschheit bis ins Jahr 3797 hinein beschreiben sollen.) Im Vorwort zu diesen Prophezeiungen schreibt Nostradamus:

Diese Schrift entstand 1555. Abgefasst ist sie in einem eigenwilligen Gemisch aus Altfranzösisch, Latein, Dialekt, italienischen und spanischen Lehnwörtern sowie eigenen Wortneu- und Umbildungen.

1555 war Caesar also erst zwei Jahre alt. Die letzten drei Zenturien wurden 1558 herausgegeben und König Heinrich II. gewidmet. Nostradamus starb 1566. Zwei Jahre nach seinem Tod kam seine Schrift als Gesamtausgabe heraus.

„An Sohn Caesar Nostradamus Leben und Glück! Dein spätes Ankommen, mein Sohn Caesar Nostradamus, hat mich veranlasst niederzuschreiben, was ich seit langem in Nachtwachen zusammengetragen habe. Nach dem körperlichen Dahinscheiden Deines Vaters sei es Dir als Vermächtnis hinterlassen. Was mir durch Gottes Wesenheit und astronomische Konstellationen zur Kenntnis gebracht wurde, soll zum allgemeinen Nutzen der Menschheit werden…Das Schlüsselwort zu den okkulten Prophezeiungen bleibt allerdings in meinem Inneren verschlos-sen. Man muss auch in Betracht ziehen, dass die Ereignisse letztlich ungewiss sind und dass alles regiert und verwaltet wird von der unbegreiflichen Macht Gottes. Sie inspiziert uns nicht in trunkener Raserei und nicht in psychischer Erregung, sondern durch die astrologische Bestätigung.“
Diese Schrift entstand 1555. Abgefasst ist sie in einem eigenwilligen Gemisch aus Altfranzösisch, Latein, Dialekt, italienischen und spanischen Lehnwörtern sowie eigenen Wortneu- und Umbildungen.
1555 war Caesar also erst zwei Jahre alt. Die letzten drei Zenturien wurden 1558 herausgegeben und König Heinrich II. gewidmet. Nostradamus starb 1566. Zwei Jahre nach seinem Tod kam seine Schrift als Gesamtausgabe heraus.

DER BEGINN SEINER „PROPHETISCHEN“ BEDEUTUNG

Sein Ruhm als Wahrsager künftiger Ereignisse wurde schon zu Lebzeiten verbreitet. Grund dafür war der 35 Vers in der ersten Zenturie. Dort heißt es: „Der junge Löwe überwindet den alten auf kriegerischem Feld im Einzelwettkampf. Im goldenen Käfig wird er ihn die Augen ausstechen. Von zweien dann stirbt einer eines grausigen Todes.“ (auch: „Von zwei Brüdern der erste, dann sterben eines grausigen Todes.“)
Am ersten Juli 1559 kam bei einem Turnier mit Pferd und Lanze Heinrich II. ums Leben. Sein Gegner, der schottische Graf Delorge Montgomery, hatte den König tödlich verwundet, nachdem beim Zusammenprall seine Lanze abgebrochen und das abgebrochene Ende durch das goldene Visier in das Auge des Königs eingedrungen war. Nach qualvollen Leiden starb der König am 10. Juli 1559. Die Prophezeiung wurde auf dieses Ereignis gedeutet, obwohl es sich dabei weder um einen jungen noch um einen alten „Löwen“ gehandelt hat, sondern beide etwa 40 Jahre alt waren.
Aber nun wollen Fürsten und Könige Nostradamus als Gast an ihren Höfen. Hein-richs Witwe, Katharina v. Medici, reist nach Südfrankreich, um den Propheten des Abendlandes zu befragen. Sie holte Nostradamus an ihren Hof, wo er später zum königlichen Leibarzt ernannt wurde. Bald war Nostradamus im ganzen Land und darüber hinaus bekannt.
Die Niederschriften des Nostradamus wurden immer wieder nachgedruckt und dienten zahlreichen Deutern als Grundlage ihrer Zukunftsprognosen. Die verschlüsselte Sprache, in einem Gemisch aus Altfranzösisch, Latein und eigenen „Wortneu- und umbildungen“ bot für Spekulationen in vielfältiger Weise die Voraussetzung. So konnten mit Rückgriff auf angeblich geheime Zukunftsvisionen jeweils die Texte auf Ereignisse der aktuellen Gegenwart hin gedeutet und kommentiert werden, bis in die heutigen Tage hinein.

DAS SELBSTVERSTÄNDNIS DES HELLSEHERS

Wie hat sich nun Nostradamus selbst verstanden?
In zwei Punkten, hier ganz Kind seiner Zeit, sieht Nostradamus die Bedingungen für die Möglichkeit langfristiger Vorhersage. Beeindruckt von der letzten Schrift des Neuen Testaments, der Apokalypse, glaubt er, dass prophetische Inspiration, Horos-kop und natürliche Begabung die Voraussetzungen solcher Weissagungen sind. Er ist auch überzeugt, dass man am Himmel die Ursachen durch die Begegnungen der Gestirne erkennen kann.
Aber er weiß auch um die Ungewissheit, die trotz allem über solchen Aussagen liegt. So schreibt er im Vorwort an seinen Sohn:
„Weil aber die Ursachen unterschiedlich sind und unterschiedliche Wirkungen her-vorbringen oder nicht hervorbringen, kann sich die Vorhersage nur zum Teil so ver-wirklichen wie sie angekündigt worden ist. Denn die aus dem Verstand ge-wachsene Einsicht kann das Okkulte nicht wahrnehmen, es sei denn durch die Stimme in Trance mit Hilfe einer winzigen Flamme, in der sich ein Teil der künftigen Ereignisse enthüllt. Ich bitte Dich auch, mein Sohn, beschäftige niemals Deinen Verstand mit solchen Träumereien und Wahngebilden. Sie trocknen den Körper aus, stürzen die Seele ins Verderben und verwirren die schwachen Sinne. Dasselbe gilt auch für den Wahnsinn, der mehr ist als abscheuliche Magie, die schon seit eh und je von der heiligen Schrift und den göttlichen Gesetzen verworfen wird. Als wichtigster Teil ist nur die berechenbare Astrologie ausgenommen. Mit ihrer Hilfe, mit Inspiration und göttlicher Erleuchtung in regelmäßigen Nachtwachen und Berechnungen haben wir unsere Prophezeiungen gefasst und niedergeschrieben.“
Dass die Niederschrift seiner Prophezeiungen für Nostradamus selbst auch eine psychische Entlastung bedeutete, beschreibt er im Vorwort zu den letzten Zentu-rien:
„Ich befreie meine Seele, den Geist und das Herz von allen Sorgen und Zweifeln, falschen Gemütsregungen, indem ich die Gedanken zum Schweigen und zur Ruhe bringe.“
Die Gewissheit, mit der Nostradamus sich noch auf die Zuverlässigkeit der Gestirn-sabläufe berufen zu können glaubte, ist durch die moderne Astronomie ad absurdum geführt.
Die Angstvisionen des Nostradamus eröffnen weder einen Blick in die Zukunft, noch können sie hilfreich sein für die Bewältigung der Aufgaben und der Wahr-nehmungen unserer Verantwortung in der heutigen Zeit. Für Christen gilt die hoffnungs- und lebenstiftende Botschaft des Neuen Testaments: „Gebt acht, dass euch keiner durch die Vorspielung höherer Erkenntnisse betrügt. Das alles ist nur von Menschen erdacht. Es handelt nur von den kosmischen Mächten. Mit Christus hat es nichts zu tun. Christus ist der Herr über alle Mächte und Gewalten. In ihm wohnt Gott mit der ganzen Fülle seines Wesens, und nur durch ihn habt ihr Anteil an dieser Fülle.“ (Kol 2,8-10)
Menschliche Neugier, Angst vor der Zukunft und die lustvolle Sucht nach Schre-ckensereignissen lassen die so genannten „Weissagungen“ des Nostradamus immer wieder zum Bestseller werden. Mit Realismus haben die sich daran anknüpfenden okkulten Spekulationen nichts zu tun.

Was halten nun diese angeblichen Voraussagen wirklich?

Seine Sprüche, Verse, Worte sind ja völlig unklar; d.h. sie sagen nichts Konkretes aus – es sei denn diejenigen, die damit umgehen, beginnen die unklaren Worte zu deuten. Das heißt aber: es spricht nicht mehr Nostradamus und seine angebliche Erkenntnis, sondern der oder diejenigen, welche die Worte nach ihren Er-kenntnissen deuten.
Die kühl kalkulierte Waghalsigkeit seiner Orakelsprüche, die Nostradamus mit der Verfolgung durch die Inquisition rechtfertigte: „Die Unbild der Zeit erfordert, dass solche verborgenen Ereignisse nur in rätselhafter Sprache geoffenbart werden, nicht bloß einen Sinn zulassend…“, war also ein integraler Bestandteil der „Prophezeiungen“. Denn je unpräziser die Voraussage, desto unwahrscheinlicher ihre Widerlegung. Je rätselhafter die Form, desto enthusiastischer die Deutung“, merkt der Heidelberger Literaturwissenschaftler Gregor Eisenhauer zu den „Zenturien“ an. Das hat dann auch wiederum den Vorteil, dass beim nicht Eintreffen einer Deutung der Sprüche des Nostradamus der Deuter etwas falsch gemacht hat, aber der Orakelspruch des Nostradamus wieder frei gegeben wird zu neuen Deutungen.
Offen spekulierte Nostradamus mit seiner „Verschlüsselung“ auf die okkultistische Neugierde seiner Leser, was ihm eine umsatzsteigernde Aufmerksamkeit gesichert hat. Das Geheimnis seines Erfolgs als „Seher“ beruht lediglich auf der bewussten Vieldeutigkeit der „Zenturien“, in die man jede beliebige aktuelle Situation oder Er-wartung hineindeuten kann.

Nehmen wir als Beispiel den Vers 19 der II. Zenturie: Der französische Arzt Dr. Max de Fontbrune schreibt in seinem Buch „Was Nostradamus wirklich sagte“: zu diesem Vers mit den Worten:
„Zurückgekehrt, finden sie die befestigten Orte ohne Verteidigung.
Sie besetzen den Ort, der bis dahin unbewohnbar war.
Wiesen, Häuser, Felder, Städte nehmen sie nach Belieben.
Hunger, Seuche, Krieg. Lange Mühe für wenig Land.“
folgende Deutung: hier ist der Aufbau des Staates Israel vorweggenommen. Der Chef-Sternseher der Orakelpostille „Astro-Woche“, Kurt Allgeier sieht darin „die Rückkehr der Menschen nach einer Atomkatastrophe in intakte, aber unbe-wohnbare Städt.
Oder: den 70. Vers der I. Zenturie bezog Fontbrune im Jahr 1938 auf „einen künfti-gen Krieg in Europa, der vom mittleren Osten ausgeht“, und übersetzt vage: „Bis Persien reichen die Fluten, die Hungersnot, der Krieg. Den Monarchen verrät sein zu großes Vertrauen; so wird der in Frankreich begonnene Krieg ein Ende finden.“
Allgeier, der seine Nostradamus-Exegese 1987 vorlegte („Die Prophezeiungen des Nostradamus“) übersetzt hingegen: „Herrscher“ flugs mit „Schah“ und münzt das Verslein gekonnt auf die islamische Revolution von 1979 mit dem Sturz Reza Pahlewis.
Die simple Wahrheit aus all dem ist jedoch, dass durch die Auslegung der „Zentu-rien“ kein Unglück je verhindert, keine Katastrophe je abgewendet, geschweige denn vorhergesehen werden konnte.
Niemand, der Hungersnöte, Kriege und Katastrophen allgemein voraussagt, muss je befürchten, von der Zukunft eines besseren belehrt zu werden. Diese Dinge gehören zur regelmäßigen Wiederkehr innerweltlicher Abläufe.

So werden auch in Zukunft alle Auslegungen immer erst „Nachhinein-Deutungen“ sein und nie Vorhersagen von konkreten historischen Ereignissen. Es sei denn, sie bleiben in unverbindlichen Ansagen von „schlimmen Zeiten mit Kriegen, Katastro-phen, Seuchen und wirtschaftlichen Einbrüchen wie sie schon die so genannten apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes darstellen.

NOSTRADAMUS und seine Vorhersagen sind ein Beispiel dafür wie man mit ver-ängstigten Menschen und ihren Phantasien umgehen muss, um daraus Kapital zu schlagen. Nutzen haben diese „Weissagungen“ nur für den, der es versteht, seine literarischen Ausdeutungen mit Gewinn an recht viele andere Menschen zu bringen, die gern dafür Geld ausgeben, sich hinters Licht führen zu lassen.