Die Rosenkreuzer

 

Kurz-Info

Aus dem Gedanken einer "Generalreformation" der ganzen Welt entwickelte der evang. Theologe Johann Valentin Andreae (1586-1654) eine Synthese zwischen Glauben und Erkennen. Dazu erfindet er in einer literarischen Fiktion eine von einem Christian Rosencreutz gegründete Bruderschaft, die alle seine Ideale verkörperte. Drei Schriften bilden den Anfang der Rosenkreuzer-Bewegung. Den Schriften zufolge habe man 1604 das Grab des fiktiven Chr. Rosencreutz gefunden, 120 Jahre nach seinem Tod. Die bis dahin verborgen lebende Rosenkreuz-Bruderschaft trete nun an die Öffentlichkeit. Flut weiterer fiktiver Schriften. Im Dreißigjährigen Krieg ebbte die Bewegung ab. Freimaurer des 18. Jhdts griffen diese Idee wieder auf. In der 2. Hälfte des 19. Jhdts bezeichnen sich neugnostische und Okkult-Gruppen so. 1865 Gründung der "Societas Rosicrucianum in Anglia" und 1888 "Hermetic Order of the Golden Dawn". Seit Anfang des 20.Jhdts: 1909 "Internationale Rosenkreuzer-Gemeinschaft; 1916 Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis A.M.O.R.C.; 1924/25 Internationale Schule des Rosenkreuzes e.V./Lectorium Rosicrucianum . Daneben kleinere Gruppen: Fraternitas Rosicruciana des okkult orientierten Ordensführers H.-J. Metzger und die "Universitas Esoterica für Rosenkreuzer Meditation" des Wolfgang Wegner, Berlin. 1969 die "Esoterische Gemeinschaft Sivas".

LEHRE

Kernpunkt ist die "Tranfiguration", die Umwandlung des Menschen in einem Stufenweg. Durch okkulte Lehren, esoterische Praxis und Einweihung sollen die angeblich latent vorhandenen göttlichen Kräfte aktiviert werden. Der Mensch - bestimmt durch sein Karma - soll sich in Reinkarnationen/ Wiedergeburten höher entwickeln.

ORGANISATION

Gruppen nach einem Logensystem. Verschiedene Eintrittsstufen, die nacheinander zu absolvieren sind. Bei Rosenkreuzer-Gemeinschaft (Zentrale in Darmstadt) Vortragsdienst, seit 1949 auch Heilungsabteilung. Sieben Einweihungsstufen, davon vier in diesem Erdenleben. Bei A.M.O.R.C (Hauptsitz in Baden-Baden) als größte Vereinigung eigene Jugendorganisation: Junioren-Orden der Fackelträger. Ab 18 Jahren Eintritt in Orden möglich mit Namensgebung, Erkennungszeichen, Passworten, Handgriffen. Leihweise Lehrbriefe mit anschließenden praktischen und theoretischen Prüfungen. 16 Einweihungsgrade; die letzten vier geheim. Das Lectorium Rosicrucianum hat Zentralen in Bad Münder und Calw; die Sivas-Gruppe in Kassel.

HISTORISCHE ENTWICKLUNG

Die Rosenkreuzer stammen aus dem großen Bereich des esoterischen Denkens und der damit verbundenen esoterischen Praxis. Unter esoterisch verstehen die Rosenkreuzer ein Hindeuten auf das Innere, das Verborgene, der menschlichen "Fünf-Sinne-Welt" nicht Zugängliche in der Welt. Die Gehalte dieser Wirklichkeitsdimension seien nicht ohne weiteres vermittelbar. Mit Hilfe von Bildern und Symbolen werden diese Geheimnisse der anderen Wirklichkeit umschrieben. Um in diesen inneren Bereich vorzudringen, müsse sich der Mensch auf einen schwierigen geistseelischen, bewußtseinswandelnden Prozeß einlassen, der ihn so auf den Pfad des "Eigentlichen" führe.

Die kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg im Tübinger studentischen Freundeskreis des späteren württembergischen Generalsuperintendenten und Hofpredigers Johann Valentin Andreae (1586-1654) entstandenen beiden Rosenkreuzermanifeste "Fama Fraternitatis Oder Brüderschafft des Hochlöblichen Ordens des R.C."(1614) und die "Confessio Fraternitatis"(1615) sowie die von ihm selbst verfasste "Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz"(1616) sind die ersten historischen Spuren des Gerüchts vom Bestehen einer geheimen Rosenkreuzer-Bruderschaft in der nachprüfbaren Geschichte. Die Autoren und diese Schriften bezweckten gegenüber einer erstarrten protestantischen Orthodoxie eine Erneuerung des reformatorischen Impulses mit dem Ziel der "Generalreformation" der ganzen Welt und einer christlichen Gesellschaftsordnung. Deren Basis sollte vor allem die Harmonie zwischen (Renaissance-) Wissenschaft und christlichem Glauben sein ("Pansophie"), wie man sie z.B. bei Paracelsus fand. Als Vorbild für die Erneuerung von Kirche, Staat und Gesellschaft wurde - dem allegorischen/bildhaften Denken der Zeit gemäß - die literarische Fiktion einer "Bruderschaft" geschaffen, die von einem zwischen 1378 und 1484 lebenden "Christian Rosencreutz" zum Zwecke einer Kirchenreform gegründet worden sei, dessen Grab 120 Jahre nach seinem Tod, im Jahre 1604, von der Bruderschaft wieder aufgefunden worden sei. Nun sei die bis dahin im Verborgenen lebende Rosenkreuz-Bruderschaft an die Öffentlichkeit getreten. Damit wurde ein regelrechter Boom ausgelöst. Überall meldeten sich Menschen, die angaben, dieser geheimen Rosenkreuz-Bruderschaft anzugehören. Bis 1620 erschienen ca. 200 Rosenkreuzer-Schriften. In den genannten drei ersten Schriften der Rosenkreuzer wird u.a. das Leben des fiktiven Christian Rosenkreuz beschrieben. Sein Leben wird in der so genannten Karma als Leben eines armen, adeligen Deutschen, der in einem Kloster aufgewachsen ist, beschrieben. Christian Rosencreutz soll dieser Dichtung nach im Alter von 16 Jahren einen Ordensbruder auf der Reise zum Heiligen Grab begleitet haben. Auf dieser Reise verstarb der Heilige Mann. Dies geschah auf Zypern. Christian Rosencreutz reiste von dort nach Damaskus und kam so mit den arabischen Wissenschaften zusammen. Nach langen Studien kehrte er in seine Heimat Europa zurück. Er war der Hoffnung, dass durch die langen Reisen und Studien sich alle Gelehrten Europas um ihn scharten, um seine umfassenden Studien mit ihm weiter zu erforschen. In der so genannten Fama Fraternitatis wird aber dann auch berichtet, dass dieser Plan von Christian Rosencreutz fehlschlug und er danach einsam und zurückgezogen in Deutschland weiterlebte. Das Ziel einer umfassenden Lebensphilosophie ließ ihm aber keine Ruhe. Er sammelte drei Menschen um sich und gründete die Bruderschaft des Rosenkreuzes. Die Mitglieder der Bruderschaft arbeiteten in unterschiedlichen Ländern. Die Geschichte erzählt weiter, dass die Brüder der Rosenkreuzer im Jahre 1604 das Grabgewölbe des Christian Rosencreutz gefunden hätten. Christian Rosencreutz soll dieses Grabgewölbe als "Kompendium des Alls" für seine Brüder errichtet haben. Mit der Entdeckung des Grabes ist die Rosenkreuzer-Bruderschaft an die Öffentlichkeit getreten. Im Jahre 1616 erschien das letzte und wohl aufwendigste Buch der ursprünglichen Rosenkreuzer-Schriften "Die Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459". In 7 Tagewerke aufgeteilt, berichtet die "Chymische Hochzeit" von vielerlei Ängsten, aber auch beglückenden grotesken und manchmal schaurigen Träumen des Christian Rosencreutz. Dieses bunte Märchen, das als Schrift Christian Rosencreutzers ausgegeben wird, entpuppt sich als Werk von Johann Valentin Andreae. Die Herkunft der Rosen-Symbolik wird verschieden gedeutet: Sowohl Luther als auch Andreae selbst trugen in ihrem Wappen die Rose und das Kreuz. Während neben Comenius und Descartes wahrscheinlich auch der "Winterkönig" Friedrich V. von der Pfalz mit der Rosenkreuzerbewegung sympathisierte (F.A.Yates), distanzierte sich Andreae

im Jahre 1617 öffentlich von seinen Schriften. In seiner Satire "Menippus" spricht er über die Bruderschaft vom Rosenkreuz als einem großen Spektakel für Neugierige. Das Ziel von Andreae war es, die Reformation seinerzeit fortzuführen. Auch 1619 distanziert er sich im Vorwort seines christlich-utopischen Staatsromans "Christianopolis" von dieser Schrift. Er hielt aber an der Idee karitativer "christlicher Bruderschaften" fest und gründete als Dekan in Calw eine "societas christiana", das so genannte "Färberstift". In Frankreich wurden die Rosenkreuzer schon seit 1623 verspottet und abgelehnt. In England wurde dieses Gedankengut durch Thomas Vaughan und später durch den Alchimisten und Astrologen Elias Ashmole in seinen Manifesten gefördert. Auf dem Kontinent kam der Appell der Manifeste durch den Dreißigjährigen Krieg fast ganz zum Erliegen. Erst im 18. Jahrhundert entstanden nachweislich Rosenkreuzerorden. Der wichtigste dürfte der 1750 bis 1800 alchimistisch arbeitende, straff und mit strenger Arkandisziplin organisierte "Orden der Gold und Rosenkreuzer" gewesen sein. Unter dem Ordensführer Johann Christoph Wöllner blühte der Orden kurz auf, denn Wöllner war als Staatsminister von Preußen eine Tragende Figur. Mit seinem Tod (1800) verliert der Rosenkreuzerorden an Bedeutung, während die Freimaurer nun in Europa an Boden gewinnen. Anfang des 20. Jahrhunderts taucht mit einer neuen Hochblüte der Gnosis die Rosenkreuzertradition auch in Deutschland wieder auf. Rudolf Steiner z.B. beruft sich 1911 in seinem Buch "Die Theosophie des Rosenkreuzes" auf diese Tradition. Jetzt wird auch die Ahnentafel des Rosenkreuzertums bis in die Pharaonenzeit des alten Ägypten verlängert. Plötzlich wird auch aus einer irdisch und äußeren Organisation von Personen "eine geistige Vereinigung, eine Harmonie göttlicher und geistig übereinstimmender Kräfte" (Theosoph Franz Hartmann 1838-1912).

1916 gründete der "Journalist", Parapsychologe und Theosoph H. Spencer Lewis (1883-1936) den "Ancient order of the rosy cross" (AMORC) in New York. Nach fehlgeschlagenen Versuchen in Europa faßte 1951 der Orden in Deutschland Fuß. Als "größte und älteste Bruderschaft der Welt" sei AMORC aus einer Mysterienschule, die zur Zeit des Pharao Amenhotep IV. um 1350 v. Chr. gegründet wurde, hervorgegangen. In der Cheopspyramide habe man Initiationen vollzogen, beim Bau des salomonischen Tempels sollen Rosenkreuzermeister mitgewirkt haben. Der AMORC sei der einzige berechtigte Zweig der Alten Bruderschaft vom Rosenkreuz.

1909 gründete Max Heindel (1865-1919) in den Vereinigten Staaten "The Rosicrucian Fellowship, dessen Lehren mit den Lehren R. Steiners übereinstimmen. In Deutschland heißt die Vereinigung Rosenkreuzer-Gemeinschaft (RG).

Anfänge der "Gemeinschaft der Internationalen Schule der Rosenkreuzer-Gemeinschaft, Lectorium Rosicrucianum" (LR) sind wahrscheinlich 1924/25. Gründer war Jan van Rijckenborgh (Jane Leene = 1968). Am 21.o6. 1953 war die Geistesschule bereit, am 20.o8.1953 trat sie in die Öffentlichkeit. In den anschließenden 48 Jahren wird das LR angeblich zu einer "weltumfassenden modernen gnostischen Bewegung werden..." Nach dem Monat September 2001 wird es nicht mehr möglich sein, sich noch aus der gewohnten Menschheit heraus in die neue Gruppe einzufügen"(J.v.Rijckenborgh,1956). Seit 1950 ist das LR auch in Deutschland.

Im Mai 1969 Gründung in Haarlem und Kassel der Gemeinschaft R+C (Roseae

Crucis) unter Henk Leene, einem Sohn Jan van Rijckenborghs. 1972 umbenannt in Esoterische Gemeinschaft Sivas (Sivas). Weitere Rosenkreuzergruppen: "Universitas Esoterica für Rosenkreuzer Meditation", "Sieben-Rosen-Zentrale" mit ihrem Sieben-Rosen-Versand; "Internationale Weltloge der Bruderschaft zum Rosenkreuz e.V." mit ihren "Hl. Exercitien R.+C."

LEHREN:

Gedankengut unterschiedlichster Herkunft bildete die Quellen des älteren Rosenkreuzertums. Vorstellungen der spätantiken Gnosis, aus Alchimie und Kabbala, der Pansophie (Paracelsus) u. a. m. Daraus blieb erhalten: hermetische Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallele, die Kosmologie, das Abheben auf das Geheime, was wieder zu finden ist. Dazu östliches Gedankengut: Karma-Gedanke, Reinkarnation. Kernpunkt ist die Transfiguration: Umwandlung des Menschen in einem Stufenweg. Die Wegbeschreibung ist bei den verschiedenen Gruppen unterschiedlich. Gemeinsam ist Vorstellung der Aktivierung der göttlichen Kräfte, die im Menschen vorhanden seien. Diese gilt es zu erkennen, zu erwecken und wirksam werden zu lassen: Selbsterkenntnis führe zur Bewußtseinserweiterung und setze eine Transfiguration in Gang. Einen kosmologisch-anthropologischen - sehr stark von Rudolf Steiner beeinflussten - Transfigurationsweg geht Max Heindel. Er spricht von okkulter Einweihung. Erst wenn der Mensch durch "geistiges, moralisches und physisches Streben" seine niederen, tierischen Wesensteile gereinigt habe, bekomme er in der Einweihung durch einen Lehrer gezeigt, wie er die göttlichen Kräfte in sich anwenden kann. Nach der Transfiguration ist die Einweihung möglich. Für das Lectorium Rosicrucianum und Sivas tritt der Mensch durch das "Heilsopfer der Transfiguration" in eine völlig neue Naturordnung ein.

Gott ist ein unpersönlicher Geist, göttliche All-Seele (AMORC),bzw. ein höchststehendes Wesen in der Dreiheit Kraft, Wort und Bewegung (Heindel). Gott bewirkt die Inkarnation des Geistigen in der Materie. In einer Folge unzähliger Reinkarnationen gelangt der Mensch zur Gottwerdung. Christus ist keine Person, sondern eine Strahlungskraft (LR). Der Geist Christus trat in den Körper des Menschen Jesus ein, um ihn für seine Mission zu nutzen. Der Kreuzestod Jesu war notwendig, weil auch Jesus nicht frei von Karma war (Heindel). Es gibt keine Sünde, folglich keine Erlösung. Der Mensch muss den Transfigurationsweg der Selbstbefreiung aus eigener Kraft gehen. Für das rechte Gehen dieses Weges werden die Rezepte geliefert. Alle Religionen sollen rosenkreuzerische Wahrheiten enthalten. Die Bibel sei eine durch Fälschungen entstellte Aufzeichnungen bestehender Legenden, das offizielle Christentum eine verkürzte Form der Religion, die nicht zur Befreiung führen könne. Die LR-Rosenkreuzer sagen selbst, dass eine "unüberbrückbare Kluft ... zwischen dem Christus der Heiligen Schrift und dem Christus der Kirche liegt." Mit dem "Christus der Heiligen Schrift" meinen sie ihren "Christus- oder Feueräther". Das Gebet gilt als magischer Anruf. Durch Einfluss der Rosenkreuzer müsse das wahre Christentum entwickelt werden. Die Vorstellungen der Sivasgruppe sind stark von New- Age-Ideen durchsetzt: in der neuen Ära des Wassermanns würde das neue esoterische Christentum entstehen. Der versteinerte Petrusmensch wird vom Johannesmenschen abgelöst, der ein unorganisiertes, dogmenfreies "inneres Christentum" verkörpert. In einigen Rosenkreuzergruppen besteht der Glaube, dass durch positives Denken Heilungen bewirkt werden können. Die Rosenkreuzer verlangen vegetarische Ernährung, z.T. auch Verzicht auf Pelz- und Lederbekleidung, Alkohol und Nikotin.

ORGANISATION:

Die Gruppen sind in einem Logensystem organisiert. Es gibt verschiedene Eintrittstufen, die nacheinander absolviert werden müssen. Die Zentrale der Rosenkreuzer-Gemeinschaft befindet sich in Darmstadt. In einigen Großstädten gibt es einen Vortragsdienst. Nur die ersten vier der insgesamt 7 Einweihungsstufen finden danach in diesem Erdenleben statt., die folgenden dann in weiteren Erdenleben. Der Hauptsitz von AMORC ist in Baden-Baden. Für Kinder und Jugendliche gibt es eigene Organisationen: Junioren-Orden der Fackelträger. Ab 18 Jahren kann der Eintritt in den Orden erfolgen. Dabei erhält der Schüler einen geheimen Namen und wird mit speziellen Erkennungszeichen, Passworten und Handgriffen vertraut gemacht. Betont wird die Wichtigkeit des häuslichen Studiums. Lehrbriefe, die dem Schüler nur leihweise zur Verfügung gestellt werden, müssen nach einem festgelegten System abgearbeitet werden. Am Ende der einzelnen Stufen stehen verschiedene praktische und theoretische Prüfungen. Von den 16 Graden der Einweihung sind die letzten vier geheim. A.M.O.R.C. hat den größten Verbreitungsgrad und wohl die meisten Anhänger weltweit mit steigender Tendenz. Bei den anderen Gruppierungen scheint die Entwicklung eher stagnierend bis rückläufig. Genauere Zahlen liegen nicht vor. Das Lectorium Rosicrucianum hat Zentralen in Bad Münder und Calw. Die Sivas-Gruppe hat ihr Zentrum in Kassel.

KRITIK:

Esoterische Weltanschauung ist nicht neu. Zu allen Zeiten glaubten Menschen, das Göttliche auf dem Wege der Gnosis oder der Mysterien zu finden. In diesen breiten Strom der Esoterik gehören auch die Rosenkreuzer.

Die historischen Rosenkreuzer des 17. Jhdts hatten noch eine tiefe Bindung an die Bibel und die Kirche der lutherischen Reformation. Bei den modernen Gruppen hat sich diese Verbindung weitgehend gelöst, ist bei einigen sogar einer erklärten Gegnerschaft zur Kirche und zu einem angeblich veräußerlichten Christentum gewichen. Das Lectorium Rosicrucianum verlangt den Kirchenaustritt. Nur ein esoterisches Christentum , wie sie es verkünden, entspreche der wahren Botschaft Jesu Christi. Die Rosenkreuzer haben mit den christlichen Glaubensinhalten nicht mehr als die äußeren Vokabeln gemein. Sie kennen kein "Geliebtsein des Menschen durch Gott". Daher ist der Mensch nach Ansicht der Rosenkreuzer auch nicht einmalig, denn erfahren wird immer nur der unheile Mensch - nie der erlöste. Es gibt keinen endgültig erlösten Rosenkreuzer, den man hier auf Erden als vollkommen erlöst erleben könnte. Während der Christ einen Glauben hat, der darin besteht, dass der unvollkommene sündige Mensch vollkommen von Gott durch Christus geliebt ist, und an die Macht der Liebe Gottes glaubt, die die Kraft besitzt, den Menschen in seiner historischen Einmaligkeit zu lieben, muss der Rosenkreuzer ständig wiederkehren. Und selbst wenn er in seiner Vorstellung an die Selbsterlösung glaubt, so endet diese Erlösungsvorstellung nicht in einem Dasein in beziehungsreicher Liebe, sondern in beziehungslosem Dasein. Christentum ist daher unvereinbar mit der Weltanschauung der Rosenkreuzer. Die Rosenkreuzer sprechen besonders elitäre Tendenzen im Menschen an. Diese Tendenz folgert aus dem Drang, vollkommen sein zu wollen. Es geht um das Handhaben von geheimem Wissen und Riten, ja bisweilen auch Techniken und Verhaltensweisen.

AMORC verharmlost die Unterschiede gern und konstruiert unmögliche Ähnlichkeiten zum kirchlichen Glauben, die es nicht gibt. Der katholische Glauben ist unvereinbar mit der Lehre der Rosenkreuzer. Neben diesen inhaltlichen Unvereinbarkeiten entstehen auch soziale Schwierigkeiten. Wer sich auf den Stufenweg der Rosenkreuzer einlässt, bekommt ein neues Weltbild und steigt z.T. aus der bisherigen Weltsicht und auch Realität aus. Deutlich wird das z.B. an einer veränderten Sprache, an neuen Denkweisen und auch Verhaltensweisen. Je tiefer jemand in die Welt der Rosenkreuzer einsteigt, um so schwieriger wird ein Familien- und Freundeskreisleben, da man zur bisherigen Lebenswelt in Distanz gerät. Trennungen sind oft vorprogrammiert. ErzieherInnen schildern, dass Kinder aus Rosenkreuzerfamilien z. T. passives, apathisches Verhalten an den Tag legen und der innere Konflikt zwischen realer Umwelt und esoterischer Gedankenwelt zu zweideutigen Verhaltensweisen führen. In äußeren Lebensformen wie z.B. "Vegetarismus" suchen sie anderen gegenüber eine Abgrenzung und gegenüber sich selbst eine Art "Identitätsmerkmal".

KRITISCHE LITERATUR:

Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Freiburg 1990
Sp 898-902

Handbuch religiöse Gemeinschaften, Hrsg. von Reller,H. und Kiessig, M.,
Gütersloh, 3. Aufl. 1985 S. 421-442

Kulte, Sekten, Religionen, hrsg. H.-J. Beckers und H. Kohle, Augsburg 1994

Schumacher, Joseph. Esoterik - Die Religion des Übersinnlichen, Paderborn 1994, S.160-170

Padberg, R., Die Rosenkreuzer. Wer sind Sie? In Pastoralblatt für die Diözesen
Aachen,Berlin,Essen, Hildesheim, Juni 1988, S.176-180

Haack, Friedrich-Wilhelm: Geheimreligion der Wissenden, 2. Aufl. 1976

Schilling, Hannelore: Im Zeichen von Rose und Kreuz, Nr. 71 der Information der Evangel. Zentralstelle f. Weltanschauungsfragen

FERDINAND RAUCH,
Hochschulpfarrer,
Sektenbeauftragter der Diözese Fulda